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Der Konsum von Lebensmitteln in Deutschland verursacht pro Jahr etwa 235 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von der landwirtschaftlichen Produktion bis zu den privaten Haushalten.
Die größten Potenziale einer Verringerung der Klimawirksamkeit liegen in der Nutzung von erneuerbaren Energien, einer stärker pflanzenbetonten Ernährung und der Wiedervernässung von landwirtschaftlich genutzten Mooren.
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Für eine wirksame Reduzierung von ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen braucht es ein Zusammenspiel von ernährungs-, agrar-, klima- und energiepolitischen Maßnahmen, die sowohl bei der Produktion als auch beim Konsum ansetzen.
Dazu gehört unter anderem eine Klimapolitik für die Landwirtschaft, die ambitionierte Ziele für die Jahre 2040 und 2045 festlegt, politische Anreize für eine effizientere Düngung setzt und den Einsatz von Treibhausgasminderungstechnologien in der Tierhaltung sowie die Wiedervernässung von Mooren fördert.
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Eine stärker pflanzlich geprägte Ernährung trägt dazu bei, landwirtschaftliche Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig Gesundheit, Ernährungssicherheit und Biodiversität zu fördern.
Entscheidend sind faire Ernährungsumgebungen, die gesunde und nachhaltige Lebensmittel verfügbar, bezahlbar und attraktiv machen. Dafür braucht es eine Ernährungspolitik, die diesen Rahmen gezielt gestaltet, regelmäßig überprüft und weiterentwickelt.
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Der vorgeschlagene Indikator „Klimawirksamkeit der Ernährung“ stellt die Treibhausgasemissionen der Ernährung pro Person und Jahr dar.
Über einen längeren Zeitraum erhoben, zeigt er den Beitrag der Ernährung zur Erreichung der Klimaziele. Zudem ermöglicht er Rückschlüsse auf die Wirksamkeit politischer Maßnahmen, die auf die Klimarelevanz der Ernährung abzielen. Die Berechnungsgrundlage des Indikators kann außerdem für ein staatliches Klimalabel genutzt werden.
Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland
Wie sich der Beitrag der Ernährung zu den Klimazielen erfassen und politische Handlungsoptionen ableiten lassen
- Zusammenfassung
- Kernergebnisse
- 1. Methode
- 2. Zentrale Ergebnisse
- 3. Treibhausgasemissionen nach Lebensmittelgruppen
- 4. Wertschöpfungskette
- 5. Treibhausgase
- 6. Lebensmittelproduktion auf landwirtschaftlich genutzten Mooren
- 7. Landnutzungsänderungen
- 8. Politische Handlungsoptionen
- 9. Indikator "Klimawirksamkeit der Ernährung"
- 10. Etablierung des Indikators in bundespolitischen Strategien
- 11. Verbesserung der Datengrundlage
Klimawirkung der Ernährung in Deutschland: Studie zu Treibhausgasemissionen im Ernährungssystem
Eine neue Studie von Agora Agrar analysiert die Klimawirksamkeit der deutschen Ernährung. Auf Basis eines durchschnittlichen deutschen Warenkorbs schlüsselt der Thinktank die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen aus drei Perspektiven auf: erstens, welche Produkte besonders hohe Treibhausgasemissionen verursachen; zweitens, wo entlang der Wertschöpfungskette Emissionen anfallen; und drittens, um welche Art von Treibhausgasen es sich handelt. Außerdem analysiert die Studie, welche politischen Hebel zu einer Minderung der Emissionen beitragen können.
Die Ergebnisse zeigen: Nach Produkten betrachtet, entfallen 70 Prozent der ernährungsbedingten Emissionen auf Milch- und Fleischerzeugnisse. Entlang der Wertschöpfungskette entstehen über die Hälfte der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion. Dies umfasst zum Beispiel die Tierhaltung und den Pflanzenbau. Nach klimarelevanten Gasen aufgeschlüsselt, geht rund die Hälfte der Emissionen auf fossiles Kohlendioxid zurück, gefolgt von Methan aus der Tierhaltung, Lachgas aus dem Düngemanagement und biogenen Kohlendioxid aus direkten Landnutzungsänderungen und der landwirtschaftlichen Nutzung trockengelegter Moore.
Aus dieser differenzierten Analyse leitet Agora Agrar vier zentrale Hebel ab, um die ernährungsbedingten Emissionen zu reduzieren: eine ambitionierte Ernährungspolitik, Anreize für eine klimaeffiziente Landwirtschaft und die Wiedervernässung von Mooren sowie den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien.
Außerdem entwickeln wir in der Studie einen Indikator, der die Klimarelevanz der Ernährung darstellt. Er ermöglicht Rückschlüsse auf die Wirksamkeit politischer Maßnahmen. Regelmäßig erhoben, macht er Trends sichtbar und zeigt er den Beitrag der Ernährung zur Erreichung der Klimaziele.
Kernergebnisse
1. Methodik der Studie: Wie die Klimawirkung der deutschen Ernährung berechnet wurde
Ausgangspunkt der Analyse ist der durchschnittliche Lebensmittelkonsum in Deutschland pro Jahr und Person, der sogenannte Lebensmittelwarenkorb (Abbildung 1). Insgesamt wurden 58 Lebensmittelgruppen in die Analyse einbezogen. Der Warenkorb umfasst die eingekauften Lebensmittel und Getränke auf der Ebene der Haushalte – unabhängig davon, ob sie verzehrt oder weggeworfen werden. Denn die Nachfrage ist der ausschlaggebende Faktor für die Produktion und die damit zusammenhängenden Umweltauswirkungen.
Ausgehend von den im Warenkorb enthaltenen Lebensmitteln und Getränken werden die durch die Herstellung verursachten Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette zurück bis hin zur landwirtschaftlichen Produktion inklusive Herstellung der landwirtschaftlichen Betriebsmittel erfasst (Abbildung 2). Ebenfalls in unsere Analyse einbezogen sind Treibhausgasemissionen aus direkten Landnutzungsänderungen und aus landwirtschaftlich genutzten Mooren.
Der methodische Ansatz bietet die Möglichkeit, veränderte treibhausgasmindernde Technologien und Maßnahmen in der Landwirtschaft und den anderen Phasen der Wertschöpfungskette abzubilden (zum Beispiel eine stickstoffreduzierte Fütterung, die Wiedervernässung von Mooren, den Umstieg auf Erneuerbare Energie in der Verarbeitung oder im Transport).
Die klimarelevanten Emissionen der Ernährung wurden mittels einer Ökobilanz nach ISO 14040/44 bilanziert. Als Bezugsgröße für die Bewertung der Klimawirkung dient das Gewicht der im Warenkorb enthaltenen Lebensmittel. Die Bilanzierung von Treibhausgasemissionen von Lebensmitteln bezogen auf ihr Gewicht ist die derzeit beste verfügbare Bezugsgröße. Dennoch ist sie nicht optimal, weil das Gewicht eines Lebensmittels keine Aussage über dessen Nährwert bietet. Andere Forschungsarbeiten, die die Klimawirksamkeit proteinhaltiger Lebensmittel entlang unterschiedlicher Bezugsgrößen (Gewicht, Energiegehalt, Nährstoffgehalt oder Nährstoffdichte) vergleichen, zeigen jedoch, dass die Grundaussagen der Bilanzierung sich dadurch in der Richtung meist nicht ändern (Abbildung 3).
2. Zentrale Ergebnisse: Klimarelevanz der Ernährung
Der Konsum von Lebensmitteln und Getränken in Deutschland verursacht Emissionen von etwa 235 Mio. t CO₂-Äq pro Jahr. Das entspricht etwa einem Viertel der konsumbezogenen Treibhausgasemissionen des Landes (Abbildung 4).
3. Treibhausgasemissionen nach Lebensmittelgruppen
Betrachtet nach Lebensmittelgruppen wird deutlich, dass rund 70 Prozent der Treibhausgasemissionen auf den Konsum tierischer Produkte entfallen (Abbildung 5).
Das liegt vor allem an drei Faktoren:
Umwandlungsverluste: Nur ein Teil der Energie, die die Tiere über das Futter aufnehmen, steht dem Menschen danach als tierisches Lebensmittel zur Verfügung. Die Differenz brauchen die Tiere für ihren eigenen Stoffwechsel. Dadurch sind tierische Lebensmittel im Durchschnitt deutlich energie- und flächen- und somit treibhausgasintensiver als pflanzliche Lebensmittel.
Futtermittelproduktion: Emissionen entstehen beispielsweise durch die Herstellung und Nutzung von Stickstoffdünger sowie anderen Inputs. Ein weiterer wichtiger Grund für die Treibhausgasemissionen der Futtermittelproduktion sind die Landnutzungsänderungen (zum Beispiel Umbruch von Grünland für Ackerbau).
Verdauung von Wiederkäuern: Das Treibhausgas Methan, das eine rund 27-mal stärkere Klimawirkung hat als CO₂, entsteht bei der Verdauung von Wiederkäuern und bei der Lagerung und Ausbringung von Gülle und Mist.
Milchprodukte
Von den tierischen Produkten ist der Konsum von Milchprodukten mit den anteilig höchsten Treibhausgasemissionen verbunden (Abbildung 6). Die Klimarelevanz von Milchprodukten ist vor allem auf die verdauungsbedingten Methanemissionen der Kühe und die relativ geringe Futtereffizienz zurückzuführen. Von den durchschnittlich konsumierten Milchprodukten hat Käse die höchste Klimawirksamkeit. Das liegt daran, dass für ein Kilogramm Käse viele Liter Milch benötigt werden. Für die Produktion von Hartkäse wie Parmesan wird eine deutlich höhere Menge Milch benötigt als für die Produktion von Frischkäse.
Wurst- Fleischwaren
Der Konsum von Fleisch- und Wurstwaren sowie Eiern und Fisch macht einen Anteil von etwa 35 Prozent an den ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen aus. Wie bei Milchprodukten sind die relativ hohen Emissionen von Rindfleisch vor allem auf die verdauungsbedingten Methanemissionen der Rinder sowie auf die geringere Futtereffizienz im Vergleich zu Schweinen oder Geflügel zurückzuführen. Fast die Hälfte des Fleischkonsums in Deutschland entfällt auf den Konsum von Wurstwaren, dementsprechend hoch ist auch deren Klimawirksamkeit (Abbildung 7).
Pflanzliche Lebensmittel
Der Konsum pflanzlicher Lebensmittel verursacht deutlich weniger ernährungsbedingte Treibhausgase – ihr Anteil liegt bei etwa 30 Prozent (Abbildung 8). Ein großer Teil der Treibhausgasemissionen pflanzlicher Lebensmittel entsteht durch die Herstellung und den Einsatz von Düngemitteln sowie, bei Gewächshauskulturen, durch den Energieverbrauch für Heizung und Beleuchtung.
Getränke
Die vorliegende Studie hat auch die Treibhausgasemissionen aus dem Konsum von Getränken bilanziert. In die Berechnung aufgenommen wurden Mineralwasser, Softgetränke, Bier, Tee und Kaffee (Abbildung 9). Die Klimawirksamkeit der betrachteten Getränke beträgt 13,5 Mio. t CO2-Äq und ist damit im Vergleich mit den Lebensmitteln (173,7 Mio. t CO2-Äq) relativ gering. Der Grund dafür ist, dass Getränke zu einem großen Teil aus Wasser bestehen, dessen Produktion kaum Treibhausgase verursacht. Der Großteil der Emissionen der Getränke entsteht beim Anbau der Rohstoffe, der Weiterverarbeitung sowie bei Lagerung und Kühlung.
4. Treibhausgasemissionen entlang der Lebensmittel-Wertschöpfungskette und beim Konsum
Betrachtet man die unterschiedlichen Phasen der Wertschöpfungskette und den Konsum, so entsteht mit etwa 64 Prozent der mit Abstand größte Anteil der Treibhausgase in der Phase der landwirtschaftlichen Produktion (Abbildung 10). Diese Phase umfasst den Pflanzenanbau und die Tierhaltung. In diese Phase gehören auch die Treibhausgasemissionen, die durch Landnutzungsänderungen und die landwirtschaftliche Nutzung von Mooren sowie die Herstellung von landwirtschaftlichen Betriebsmitteln wie etwa Stickstoffdünger entstehen.
In den Phasen Verarbeitung und Handel entstehen relativ wenig Treibhausgasemissionen. Anders ist es in der Phase des Konsums – bedingt durch den Energieverbrauch zum Beispiel bei der Kühlung und Zubereitung der Lebensmittel entstehen in dieser Phase deutlich mehr Treibhausgasemissionen.
5. Welche Treibhausgase entstehen durch Ernährung? CO₂, Methan und Lachgas
Kohlendioxid-Emissionen aus fossilen Quellen spielen in allen Phasen der Wertschöpfung eine wichtige Rolle (Abbildung 11). Fossiles CO2 entsteht durch die Nutzung von Erdöl, Kohle und Gas für die Strom- und Wärmeerzeugung, beim Transport und als Treibstoff für landwirtschaftliche Maschinen. Auch die energieintensive Herstellung von Stickstoffdünger resultiert in relevanten CO2-Emissionen.
In der Phase der landwirtschaftlichen Produktion entstehen – neben fossilem Kohlenstoffdioxid-– auch andere Gase: Den größten Anteil haben biogene Methanemissionen, die bei der Verdauung der Wiederkäuer und der Lagerung von Gülle und Mist entstehen, gefolgt von Lachgasemissionen, die entstehen, wenn Stickstoff über die Verbindung mit Sauerstoff zu Lachgas wird. Lachgas ist rund 273-mal klimaschädlicher ist als Kohlendioxid.
Mit rund 40 Mio. t CO2-Äq tragen auch die biogenen Kohlendioxidemissionen aus landwirtschaftlich genutzten Mooren sowie aus Landnutzungsänderungen erheblich zu den ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen bei.
6. Lebensmittelproduktion auf landwirtschaftlich genutzten Mooren
Die Entwässerung von Mooren führt dazu, dass der Kohlenstoff, der in den über Jahrtausende aufgebauten Torfkörpern gespeichert ist, als CO2 in die Atmosphäre abgegeben wird. Für die Erzeugung von Nahrungsmitteln entstehen auf landwirtschaftlich genutzten Mooren jährlich etwa 27 Mio. t CO2-Äq. Der überwiegende Teil dieser Moore liegt in Deutschland und wird für die Produktion von tierischen Lebensmitteln genutzt (Abbildung 12).
7. Im Fokus: Landnutzungsänderungen durch Lebensmittelproduktion
Landnutzungsänderungen, wie etwa die Umwandlung von Wäldern oder Wiesen in landwirtschaftliche Fläche, führen dazu, dass ein Teil des im Boden oder der überirdischen Biomasse gespeicherten Kohlenstoffs als CO2 in die Atmosphäre entlassen wird. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit dieser Flächen, Kohlenstoff zu speichern. Im Durchschnitt entstehen durch diese direkten Landnutzungsänderungen pro Jahr Treibhausgasemissionen in Höhe von etwa 12,3 Mio. t CO2-Äq, maßgeblich außerhalb der EU durch den Anbau von Soja, Kakao, Palmöl und Kaffee (Abbildung 13).
8. Politische Handlungsoptionen zur Reduzierung ernährungsbedingter Treibhausgasemissionen
Unsere Analyse zeigt drei besonders relevante politische Ansatzpunkte, um ernährungsbedingte Treibhausgasemissionen zu reduzieren:
- Erneuerbare Energien ausbauen: Entlang der gesamten Wertschöpfungskette von Lebensmitteln – von der Produktion bis zur Zubereitung zu Hause – entstehen fast 60 Prozent der Emissionen durch fossile Energieträger.
- Eine wirksame Ernährungspolitik stärken: Rund zwei Drittel der Emissionen gehen auf den Konsum von tierischen Lebensmitteln zurück. Ernährungspolitik kann eine gesunde und nachhaltige – stärker pflanzenbasierte - Ernährung fördern und so die Treibhausgasemissionen mindern.
- Eine Klimapolitik für die Landwirtschaft entwickeln: Die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen jenseits der Emissionen aus fossilen Energieträgern, entstehen vor allem durch a) die Tierhaltung, b) die landwirtschaftliche Nutzung entwässerter Moore und c) Stickstoffüberschüsse. Eine Klimapolitik für die Landwirtschaft kann Anreize sowohl für Treibhausgasminderungen als auch für negative Emissionen setzen.
Für eine wirksame Reduktion ernährungsbedingter Treibhausgasemissionen braucht es daher ein Zusammenspiel von ernährungs-, agrar-, klima- und energiepolitischen Maßnahmen. Während für die Energiewirtschaft bereits Emissionsminderungspfade entwickelt wurden und die Implementierung begonnen hat, werden vorhandene Handlungsoptionen in der Agrarpolitik bisher kaum umgesetzt.
Reduktionspotentiale durch eine klimaeffiziente Landwirtschaft
Dabei hat die Landwirtschaft erhebliche Potenziale, ihre Treibhausgase zu reduzieren. In den Studien Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Ernährung in einem klimaneutralen Europa 2045 (Agora Agriculture 2024) und Die Zukunft von Landnutzung und Ernährung in Deutschland (Agora Agrar 2026) zeigen wir, dass die landwirtschaftlichen Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts um etwa 60 Prozent sinken könnten. Zu den zentralen Maßnahmen gehören die Wiedervernässung von landwirtschaftlich genutzten Mooren, der effizientere Einsatz von Stickstoff sowie der Umbau der Tierhaltung, der sowohl eine Reduktion der Tierbestände als auch die Anwendung von treibhausgasmindernden Technologien in der Tierhaltung beinhaltet.
Eine Reduktion der Tierbestände sollte jedoch nur bei einer stärker pflanzenbetonten Ernährung erfolgen. Ohne Veränderungen im Konsum würde eine geringere Produktion lediglich dazu führen, dass tierische Produkte importiert und die Emissionen somit in andere Länder verlagert würden
Förderung einer klimafreundlichen Ernährung durch Gestaltung fairer Ernährungsumgebungen
Eine stärker pflanzenbetonte Ernährung kann nicht nur einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten, sondern trägt durch den geringeren Landnutzungsbedarf auch zum Schutz der Biodiversität bei. Gleichzeitig ist eine stärker pflanzliche Ernährung auch ein wichtiges Element einer gesunden Ernährung: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt eine Ernährung, die mindestens zu drei Vierteln aus pflanzlichen und zu maximal einem Viertel aus tierischen Lebensmitteln besteht.
Faire Ernährungsumgebungen (Abbildung 14) sind entscheidend dafür, dass gesunde und nachhaltige Lebensmittel verfügbar, erschwinglich und attraktiv für Verbraucherinnen und Verbraucher sind. Um eine nachhaltigere Ernährung zu fördern, braucht es ein breites Bündel an politischen Maßnahmen, die Gesundheit, Umwelt und soziale Aspekte gemeinsam berücksichtigen. Ebenso wichtig ist eine kontinuierliche Bewertung der Wirksamkeit dieser Maßnahmen, um sie bei Bedarf nachzuschärfen (Agora Agrar 2026, Agora Agriculture 2024, Agora Agriculture & IDDRI 2025).
9. Indikator „Klimawirksamkeit der Ernährung“: Ein Kompass für die Politik
Der in dieser Studie entwickelte Indikator „Klimawirksamkeit der Ernährung“ bildet die durchschnittlichen ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen pro Person und Jahr ab (Abbildung 15). Regelmäßig berechnet, zeigt er die Entwicklung des Beitrags der Ernährung zur Erreichung der Klimaziele und kann damit zur Evaluierung von politischen Maßnahmen beitragen, die die Klimarelevanz der Ernährung adressieren.
Außerdem kann der Indikator dazu verwendet werden, für einen bestimmten Zeitraum ein konkretes Minderungsziel festzulegen und dessen Zielerreichung zu evaluieren. Heute liegt der Wert des Indikators – also die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen pro Person und Jahr – bei 2,8 t CO2-Äq. Bei einer ambitionierten Politik könnten die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf 0,67 t CO2-Äq pro Person und Jahr gesenkt werden.
Die Reduktion ernährungsbedingter Emissionen um etwa 80 Prozent gelingt, wenn ernährungs-, agrar- und energiepolitische Maßnahmen ambitioniert umgesetzt werden (Agora Agrar 2026, Agora Agriculture 2024, Agora Think Tanks 2024) und dadurch
a) die Energieproduktion in Deutschland weitestgehend auf erneuerbare Energiequellen umgestellt ist,
b) die Menschen im Durchschnitt etwa die Hälfte an tierischen Produkten im Vergleich zu 2020 konsumieren,
c) in der Tierhaltung und der weiteren landwirtschaftlichen Produktion treibhausgasmindernde Technologien und Praktiken eingesetzt werden und
d) landwirtschaftlich genutzte Moore zu einem großen Teil wiedervernässt sind.
10. Ansatzpunkte für die Etablierung des Indikators in bundespolitischen Strategien
Der Indikator „Klimawirksamkeit der Ernährung“ könnte sowohl für das Monitoring der Ernährungsstrategie der Bundesregierung als auch als Ergänzung zu den bislang etablierten Nachhaltigkeitsindikatoren der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie genutzt werden.
Mit der Verabschiedung der ressortübergreifenden Ernährungsstrategie „Gutes Essen für Deutschland“ im Jahr 2024 wurde eine Grundlage für eine integrierte Ernährungspolitik auf Bundesebene geschaffen. Laut der Strategie ist vorgesehen, bis 2027 schrittweise ein Indikatorensystem aufzubauen, das als „Fundament für eine wissensbasierte Ernährungspolitik“ dient. Dieses soll gesundheitliche, soziale, klima- und umweltbezogene Aspekte abbilden. Der von uns vorgeschlagene Indikator könnte hierfür genutzt werden.
Bislang fehlt in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie ein Indikator, der das SDG 12 „Nachhaltige/r Konsum und Produktion“ im Bereich Ernährung in Bezug auf deren Umweltwirkungen angemessen abbildet. Der Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) hat 2024 eine grundlegende Überarbeitung des Ziel- und Indikatorensystems auf Basis der Sustainable Development Goals vorgeschlagen. Er schlägt Leitindikatoren vor, die internationale Verpflichtungen stärker berücksichtigen und die globalen Auswirkungen der deutschen Wirtschaftsweise sichtbar machen. Der von uns entwickelte Indikator zahlt auf die Umsetzung dieser Vorschläge ein und könnte in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie verankert werden.
11. Verbesserung der Datengrundlage
Eine wissensbasierte Politik benötigt verlässliche Daten. Die vorliegende Studie zeigt sowohl den Handlungsbedarf für die Schaffung einer besseren Datengrundlage als auch die Potenziale, die davon ausgehen. Um Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eine nachvollziehbare und vergleichbare Datengrundlage zur Umweltbewertung von Lebensmitteln zu ermöglichen, wäre der Aufbau einer staatlichen, frei zugänglichen Ökobilanzdatenbank wichtig. Eine solche Datenbank würde auch die Etablierung eines staatlichen Klimalabels erleichtern und als Grundlage für den Aufbau eines Bundesnachhaltigkeitsschlüssels dienen, wie er vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE 2020) empfohlen wird, sowie die Nachhaltigkeitsberichterstattungen von Unternehmen stärken. Die vorgesehene Weiterentwicklung der bestehenden Ökobilanzdatenbank ProBas des Umweltbundesamtes ist daher wichtig und die im Rahmen dieser Studie erstellten Datensätze könnten zur Weiterentwicklung von ProBas beitragen.
Bibliographische Daten
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Studie
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Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland
Wie sich der Beitrag der Ernährung zu den Klimazielen erfassen und politische Handlungsoptionen ableiten lassen
Grafiken aus dieser Publikation
Lebensmittel in einem durchschnittlichen Warenkorb
Abbildung A von Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland auf Seite 8
Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland differenziert nach Lebensmittelgruppen
Abbildung B von Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland auf Seite 9