Das Klimaschutzpotenzial der Ernährung: Wo die Politik wirksam ansetzen kann, um Emissionen zu mindern
Rund ein Viertel aller konsumbedingten Treibhausgasemissionen geht auf die Ernährung zurück. Das zeigt eine neue Studie von Agora Agrar. Der Thinktank analysiert die Emissionen entlang der Wertschöpfungskette – und schlägt politische Maßnahmen vor, um diese zu senken.
Berlin, 17. März 2026. Der Lebensmittelkonsum in Deutschland verursacht pro Jahr rund 235 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente. Das entspricht etwa einem Viertel aller konsumbedingten Emissionen, wie eine neue Studie von Agora Agrar zeigt. Auf Basis eines durchschnittlichen deutschen Warenkorbs schlüsselt der Thinktank erstmals die ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen aus drei Perspektiven auf: erstens, welche Produkte besonders hohe Treibhausgasemissionen verursachen; zweitens, wo entlang der Wertschöpfungskette Emissionen anfallen; und drittens, um welche Art von Treibhausgasen es sich handelt. Das Ergebnis: Nach Produkten betrachtet, entfallen 70 Prozent der ernährungsbedingten Emissionen auf Milch- und Fleischerzeugnisse. Entlang der Wertschöpfungskette entstehen mit 150 Millionen Tonnen CO₂-Äq die meisten Emissionen in der landwirtschaftlichen Produktion, gefolgt von 60 Millionen Tonnen CO₂-Äq, die bei Verbraucherinnen und Verbrauchern anfallen. Handel und Verarbeitung verursachen zusammen lediglich 23 Millionen Tonnen CO₂-Äq. Nach klimarelevanten Gasen aufgeschlüsselt, geht rund die Hälfte der Emissionen auf fossiles Kohlendioxid zurück.
Aus dieser differenzierten Analyse leitet Agora Agrar vier zentrale Hebel ab, um die ernährungsbedingten Emissionen zu reduzieren: eine ambitionierte Ernährungspolitik, Anreize für eine klimaeffiziente Landwirtschaft und die Wiedervernässung von Mooren sowie den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien.
„Unsere Studie zeigt: Eine klimafreundliche Ernährung hängt nicht nur von individuellen Entscheidungen ab, sondern braucht politische Gestaltung“, sagt Harald Grethe, Co-Direktor von Agora Agrar. „Die Weichen in der Ernährungs-, Agrar- und Energiepolitik sollten in dieser Legislatur gestellt werden. Das bietet die Chance, die Landwirtschaft frühzeitig auf ein ambitioniertes Klimaziel 2040 vorzubereiten.“
Vier zentrale Hebel für eine klimafreundliche Ernährung
Um ernährungsbedingte Emissionen zu senken, ist die Förderung einer stärker pflanzenbetonten Ernährung zentral. Dafür brauche es politische Rahmenbedingungen, die es Verbraucherinnen und Verbrauchern leicht machen, sich für gesunde und nachhaltige Lebensmittel zu entscheiden. Einen weiteren politischen Hebel sieht der Thinktank in Anreizen für eine klimaeffiziente Landwirtschaft – etwa durch die Förderung von emissionsreduzierenden Technologien in der Tierhaltung oder einer effizienten Düngung. Großes Potenzial liegt außerdem in der Wiedervernässung von landwirtschaftlich genutzten Mooren. Hier können etwa elf Prozent der gesamten ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen reduziert werden. „Moore wiederzuvernässen, ist eine sehr effiziente Klimaschutzmaßnahme und zugleich eine große Herausforderung für die Landwirtinnen und Landwirte, die auf den Moorstandorten wirtschaften. Daher ist eine langfristig verlässliche Politik wichtig, die die Kosten der Wiedervernässung durch eine Wiedervernässungsprämie kompensiert“, sagt Christine Chemnitz, Co-Direktorin von Agora Agrar.
Einen weiteren politischen Hebel sieht der Thinktank im konsequenten Ausbau von erneuerbaren Energien und deren Nutzung entlang der gesamten Wertschöpfungskette. „Oft wird in der Debatte um eine klimafreundliche Ernährung übersehen, dass fast die Hälfte aller Emissionen entlang der Wertschöpfungskette aus der Nutzung fossiler Energieträger stammt“, sagt Christine Chemnitz. „Der Ausbau Erneuerbarer auf Basis von Wind und Sonne bietet ein erhebliches Minderungspotenzial - häufig mit direkten Vorteilen für die Landwirtschaft.“
Ein Indikator als Kompass für die Politik
Um die Emissionsentwicklung in der Ernährung und deren Beitrag zu den Klimazielen transparent zu machen, hat Agora Agrar einen Indikator entwickelt, der die Treibhausgasemissionen pro Person und Jahr abbildet. Regelmäßig erhoben, ermöglicht der Indikator Rückschlüsse auf die Wirksamkeit politischer Maßnahmen: „Ernährung hat eine hohe gesellschaftliche Relevanz und ist zugleich etwas sehr Persönliches. In diesem Spannungsfeld ist eine sachliche politische Debatte häufig schwierig“, sagt Tanja Dräger, Hauptautorin der Studie im Ernährungsteam von Agora Agrar. „Ein Indikator, der die Emissionsentwicklungen transparent darstellt, kann zu einer lösungsorientierten Debatte beitragen.“
Grundlage der Studie ist eine Lebenszyklusanalyse eines durchschnittlichen Lebensmittelwarenkorbs in Deutschland. Dieser umfasst 58 Lebensmittelgruppen und Getränke. Auf dieser Basis hat Agora Agrar die Treibhausgasemissionen entlang der Wertschöpfungskette berechnet - von der landwirtschaftlichen Produktion über Verarbeitung und Handel bis zum Konsum. Auch vorgelagerte Emissionen aus der Herstellung landwirtschaftlicher Betriebsmittel, wie Dünger und Pflanzenschutzmittel, wurden berücksichtigt.
Agora Agrar veröffentlicht die Studie im Umfeld der aktuellen Treibhausgas-Projektionsdaten des Umweltbundesamtes sowie des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung, die auf bislang ungenutzte Klimaschutzpotenziale in Landwirtschaft und Ernährung hinweisen. Die Studie „Klimawirksamkeit der Ernährung in Deutschland“ umfasst 74 Seiten und steht in deutscher Sprache kostenlos zum Download unter www.agora-agrar.de zur Verfügung.