Alternative Milchprodukte: Wie sich der deutsche Milchmarkt bis 2035 entwickeln könnte
Alternative Milchprodukte könnten 2035 einen deutlich größeren Marktanteil in Deutschland einnehmen als heute. Das birgt Chancen, aber auch Herausforderungen für Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette. In einer neuen Studie legen Agora Agrar, die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) und die Universität Hohenheim Entwicklungsszenarien vor.
Berlin, 22. Oktober 2026. Alternative Milchprodukte wie Haferdrink, Sojajoghurt oder Käsealternativen auf Basis von Fermentationstechnologien könnten im Jahr 2035 zwischen 12,5 und 25 Prozent des Gesamtkonsums von Milchprodukten in Deutschland ausmachen. Wie stark sich eine derartige Nachfrageveränderung auf die Milchproduktion in Deutschland auswirkt, hängt vor allem vom Exportpotenzial des Sektors ab. Zu diesem Schluss kommt die neue Studie „Alternative Milchprodukte – Nachfrageentwicklung und mögliche Auswirkungen auf den Milchmarkt in Deutschland“, die Agora Agrar in Zusammenarbeit mit dem Fachzentrum Landwirtschaft und Lebensmittel der DLG und dem Fachgebiet Agrarmärkte der Universität Hohenheim erstellt hat. „Die Debatte um die Entwicklung alternativer Milchprodukte ist häufig von sehr unterschiedlichen Perspektiven geprägt, die das Potenzial entweder sehr gering oder sehr hoch ansetzen“, sagt Christine Chemnitz, Direktorin von Agora Agrar. „Wir sehen in unseren Analysen keines der beiden Extreme gegeben – wir gehen aber durchaus von einem relevanten Entwicklungspotenzial alternativer Milchprodukte aus, das den Markt dauerhaft verändern kann.“
Die Studie untersucht zwei Nachfrageszenarien. Im konservativen Szenario steigt der Anteil alternativer Milchprodukte von 7,4 Prozent im Jahr 2023 auf 12,5 Prozent im Jahr 2035, im dynamischen Szenario auf 25 Prozent. Die Autorinnen und Autoren nehmen für die Analyse eine über den gesamten Zeitraum konstante Nachfrage nach Milchprodukten an, die sowohl durch Kuhmilch- als auch durch alternative Produkte gedeckt wird. Je mehr Alternativen konsumiert werden, desto weniger Kuhmilchprodukte werden gekauft. Wie stark sich die wachsende Nachfrage nach Alternativen auf die deutsche Milchproduktion auswirkt, hängt daher wesentlich davon ab, ob Molkereien und Milchviehbetriebe einen verringerten Absatz im Inland durch zusätzliche Exporte ausgleichen können. Beide Nachfrageszenarien werden unter zwei hypothetischen Handelsszenarien analysiert: Wird die geringere nationale Nachfrage vollständig durch Exporte ausgeglichen, bleibt die inländische Produktion unbeeinflusst. Kann die reduzierte Nachfrage nach Kuhmilch aber nicht durch Exporte kompensiert werden, sinkt die Produktion in Deutschland bis 2035 gegenüber dem Niveau von 2023 um 5,5 Prozent im konservativen und 19,4 Prozent im dynamischen Szenario.
Molkereien: Wertschöpfung sichern durch neue Geschäftsfelder
Bei einem veränderten Konsumverhalten könnten Molkereien ihr Produktportfolio stärker um alternative Milchprodukte erweitern und so ihr Angebot diversifizieren. „Eine veränderte Nachfrage kann für Molkereien neue Handlungsoptionen eröffnen: Anlagen, Produktlinien und Know-how sind da, um neue Geschäftsfelder zu erschließen“, sagt Max Knoll-Rosenberg, Themenmanager Nutztierhaltung von Agora Agrar. „Wenn Molkereien dadurch wirtschaftlich stabil bleiben, profitieren auch die Milchviehbetriebe in der Region.”
Technologische Weiterentwicklung ist wichtiger Einflussfaktor
Die Studie untersucht auch, welche technologischen Ansätze die künftige Entwicklung alternativer Milchprodukte beeinflussen könnten. Die Möglichkeiten zur Herstellung alternativer Milchprodukte dürften sich in den kommenden zehn Jahren deutlich weiterentwickeln. Das gilt sowohl im Bereich pflanzlicher Alternativen als auch für fermentationsbasierte Verfahren – also Techniken, in denen Mikroorganismen Proteine oder Fette für Milchalternativen erzeugen. „In den kommenden Jahren werden voraussichtlich weiterhin hauptsächlich pflanzliche Alternativen den Markt prägen”, sagt Stephanie Wunder, Teamleiterin Nachhaltige Ernährung von Agora Agrar. “Wir gehen aber davon aus, dass sich ab Anfang der 2030-er Jahre neue Möglichkeiten durch Technologien wie die Präzisionsfermentation eröffnen. Damit könnten Produkte hergestellt werden, die funktional mit tierischen Milchprodukten vergleichbar sind.” Besonders bei Trinkmilch, Joghurt, Sahne und teilweise auch Käse sehen die Studienautorinnen und -autoren ein wachsendes Substitutionspotenzial. Auch in weiterverarbeiteten Lebensmitteln wie Backwaren, Fertiggerichten, Speiseeis und Süßwaren können alternative Zutaten zum Einsatz kommen, ohne dass sich das Produkt für Verbraucherinnen und Verbraucher grundlegend verändert.
Weitere Faktoren, die die Entwicklung alternativer Milchprodukte beeinflussen, sind Produktionskosten, EU-Zulassungsverfahren und Verbraucherakzeptanz. Wie sich diese Faktoren entwickeln, ist mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Dennoch ist es wichtig, frühzeitig und sachlich über mögliche Veränderungen des Milchmarktes zu sprechen. Eine differenzierte Debatte mit allen relevanten Akteuren kann dazu beitragen, Herausforderungen und Chancen zu identifizieren, möglichen Unterstützungsbedarf zu klären und somit die Planungssicherheit für Milchviehbetriebe, Molkereien und Hersteller alternativer Milchprodukte zu erhöhen.
Über die Studie
Die Studie Alternative Milchprodukte – Nachfrageentwicklung und mögliche Auswirkungen auf den Milchmarkt in Deutschland entwickelt Nachfrageszenarien für alternative Milchprodukte im Jahr 2035 und analysiert ihre Auswirkungen auf die heimische Milchproduktion. Hierfür hat Agora Agrar zwei Hintergrundstudien beauftragt: Das Fachzentrum Landwirtschaft und Lebensmittel der DLG erarbeitete die technologischen Entwicklungspotenziale und leitete daraus Szenarien zur Nachfrage ab. Das Fachgebiet Agrarmärkte der Universität Hohenheim untersuchte die möglichen Auswirkungen auf die Milchproduktion. Die Studie umfasst 70 Seiten und steht unter www.agora-agrar.de kostenlos zum Download bereit. Eine englische Zusammenfassung ist unter www.agora-agriculture.org abrufbar.